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JFK's
Humidor
Donald Hancock galt als einer der zuverlässigsten Mitarbeiter von Godspy's, dem großen Auktionshaus in New York. Er war Schätzer und Gutachter und gerade daran, den Nachlass von Jacqueline Kennedy Onassis zu sichten, der im April unter den Hammer kommen sollte. Unter den vielen wertvollen und weniger wertvollen Dingen gab es etwas, das Hancock besonders interessierte: den Humidor des ermordeten Präsidenten. Hancock war nämlich nicht nur leidenschaftlicher Boulespieler, sondern auch Cigarren-Aficionado. Zudem war er Hobby-Schreiner und hatte sich bereits zwei schöne Humidore selbst gebaut. Der Keller seines kleinen Hauses in einem ruhigen Vorort glich einem Museum. Da standen Kopien von dunkel gebeizten spanischen Truhen, zierlichen Louis Seize-Stühlen und italienischen Intarsienschränken, Replikate, die nur Kenner als Nachahmungen erkannt hätten. Die Tätigkeit bei Godspy's inspirierte Hancock zu immer schwierigeren handwerklichen Leistungen. Meistens arbeitete der Gutachter, dessen fünfzigster Geburtstag bevorstand, nach genauen Zeichnungen, die er von besonders kostbaren Stücken angefertigt hatte. Wenn er abends nach Hause kam, spielte er zuerst mit seinem Nachbarn Ron Kent eine Partie Boule, um dann nach dem Essen in seinen Keller hinunterzusteigen und bis Mitternacht zu arbeiten. Die Gegenwart des Humidors von JFK in seinem Magazin, in dem eigentlich weit wertvollere Stücke standen, machte ihn kribbelig. Er vermass den Holzkubus genauer, als er es hätte tun müssen. Der Humidor hatte eine stattliche Länge von 21,5 Inches und war aus feinstem Walnussholz gefertigt. Kennedy hatte den von Alfred Dunhill in London produzierten Humidor zum Amtsantrittstag neunzehnhunderteinundsechzig von Milton Berle geschenkt bekommen. Eine kleine Plakette von Berle war am Humidor angebracht, auf der stand: To J.F.K. Good Health-Good Smoking. Milton Berle, 1/20/61. Nichts entging Donald Hancock, als er den Humidor inspizierte, nicht die Machart der Messingknöpfe an den beiden Schubladen, nicht die Qualität der Innenausstattung, nicht die Maserung des Walnussholzes und dessen Behandlung. Er verschmolz geradezu mit dem Cigarrenbefeuchter und nach ein paar Tagen konnte er ihn in jeder Ansicht auswendig zeichnen. Dann kam ihm die Idee. Weshalb sollte er für sich selbst nicht eine Kopie des berühmten Holzschränkchens anfertigen? Eine Kopie von JFK's Humidor in seinem Wohnzimmer - das wäre doch der Clou! Es waren noch vier Wochen bis zur Versteigerung; er hatte also noch Zeit, den nachzubauenden Humidor täglich mit dem echten zu vergleichen. Mit Begeisterung machte er sich an die Arbeit. Zuerst besorgte er sich bei einem Freund das geeignete Walnussholz, gut gelagert und von bester Qualität, dann die Messingknöpfe und die Plakette, die er nach einer faksimilierten Papiervorlage in einer abgelegenen Stadt bei einem Spezialisten gravieren ließ. Bis nachts um eins war er nun jeweils in seiner Werkstatt und arbeitete wie ein Irrer. Bald war der Korpus vollendet. Es kamen die Schubladen dazu, die etwas schwergängig sein mussten, um dem Original zu entsprechen. Er achtete auf jedes Detail, besessen von dem Gedanken, schon bald ein täuschend echt aussehendes Replikat des präsidialen Humidors sein eigen nennen zu können. Er wollte eine absolut genaue Nachbildung des Originals. Sie musste so vollkommen sein, weil der Hobbytischler Donald den Gutachter Hancock von der Echtheit zu überzeugen hatte. Hancock war ein Perfektionist, nicht nur bei seiner Arbeit, auch beim Boulespiel, das sich seit einigen Jahren in New York zum In-Spiel gemausert hatte. Er beherrschte alle Spielzüge und Würfe. Wie seine Schreinerarbeit hatte auch das Boulespiel Stil; und Stil war das Höchste für Donald Hancock, der es gewohnt war, sich um stilvolle Gegenstände aller Epochen zu bewegen. Bis zu der Begegnung mit JFK's Humidor war Hancock nie von einer gefährlichen Leidenschaft gequält worden. Aber seit er sich entschlossen hatte, das Tabakmöbel zu reproduzieren, hatte sich alles schlagartig geändert. Der prominenteste Humidor der Welt verfolgte den sonst nüchternen Mann in seinen Träumen, auf dem Arbeitsweg, im Büro bei Godspy's und selbst beim Boulespiel, wo er unkonzentriert und fahrig wirkte. Der morgendliche Himmel war verhangen, der Stau wie immer enervierend, als aus dem Autoradio eine Melodie an sein Ohr drang, die ihn wehmütig stimmte. I once had a girl or should I say she once had me, hörte er die Beatles singen. Hancock erinnerte sich plötzlich an jene Zeit, an seine Jugend, seine erste Liebe. Er ließ sein Leben an sich vorbeigleiten, all die verpassten Möglichkeiten, aber auch all die Pretiosen, Möbel, Bilder - die Millionenwerte, die durch seine Hände gegangen waren. Trotz dieser Versuchungen war er stets ehrlich geblieben, gewissenhaft, vorsichtig, besonnen, sparsam, jedes Risiko scheuend - kurz: dumm! Isn't it good, Norwegian Wood? fragten die sanften Stimmen aus Liverpool immer wieder. Isn't it good, Norwegian Wood...? Die Frage traf. Am nächsten Tag wusste er, dass es dieses Lied gewesen war, das die Versuchung in ihn gesät hatte, die jetzt stündlich wuchs, anschwoll und hineinbrandete in die letzte Faser seines schon erschlaffenden Körpers, bis es ihm am Abend zur unerschütterlichen Gewissheit wurde, dass er es tun würde, ja, tun musste ... Am zwanzigsten April war Hancocks Replikat von JFK's Humidor fertig. Der erschöpfte Hobbyschreiner begoss das Ereignis mit einem Armagnac, zu dem er sich zur Feier des Tages eine verbotene Partagas ansteckte. Er hörte in seinen Schläfen das Blut pulsieren. Vor ihm stand das polierte Schränkchen, das er einer viertägigen intensiven Nachalterungskur unterzogen hatte. Es glänzte matt und vornehm und die Fußleiste war ebenso leicht beschädigt wie die seines Vorbilds. Es war alles perfekt: Die Schubladen gingen schwergängig, die Plakette von Milton Berle war leicht angekratzt, die Messingknöpfe waren abgegriffen und das Innere war durchtränkt vom schweren Duft nach Havannas. Die Aromaprozedur hatte ihn einiges Geld gekostet, musste er doch den Inhalt von zwei Kistchen kubanischer Cigarren während Tagen aufgeschnitten im Innern lagern, aufgeschnitten! Das hieß, dass er die Cigarren nicht mehr rauchen konnte, Cigarren, für die andere mehr als zweitausend Dollar hingeblättert hätten. Aber merkwürdigerweise schmerzte ihn der Verlust nicht, denn nichts war Hancock zu teuer für seinen Humidor, nein, für JFK's Humidor! Am zweiundzwanzigsten April feierte Hancock seinen fünfzigsten Geburtstag. Mit einer riesigen Kühlbox erschien er im Geschäft, strahlend und gut gelaunt wie nie zuvor. Der Sicherheitsbeamte wollte soeben fragen, was Hancock im Schilde führe, als dieser leutselig erklärte, er habe heute Geburtstag und für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Champagner und eine große Torte mitgebracht. Jack, der Sicherheitsbeamte, lächelte. Romantischer Trottel, dachte er, so etwas würde ihm nie einfallen. Tatsächlich teilten sich die Angestellten an diesem Tag eine winzige Truffe-Torte und ärgerten sich über die fast schon unanständige Sparsamkeit ihres Mitarbeiters. Am Abend trug Donald Hancock die Kühlbox wieder durch die Sicherheitskontrolle. Jack winkte ihn vorbei, hatte aber halbbewusst den Eindruck, dass die Box nicht leichter geworden sei, denn Hancock bewegte sich immer noch leicht nach rechts gebeugt. Zuhause ging der Auktionsmitarbeiter geradewegs ins Wohnzimmer und öffnete die Kühlbox. Er nahm einen großen Humidor heraus und stellte ihn auf die Kommode. Seine Frau Mary kam herein und rief entzückt: "Das ist er also! Grossartig, Donald, phantastisch, wie Du ihn nachgebaut hast!" Hancock verzog die Mundwinkel nach oben und sagte in gespielt sachlichem Ton: "Ja, ein schönes Stück, alles wie beim Original, sogar die schwergängigen Schubladen." Dabei zog er an den oberen Messingknäufen. Doch merkwürdig! Die Schublade ließ sich ganz einfach herausziehen. Er versuchte es bei der unteren. Auch hier dieselbe Leichtgängigkeit. Mary war unterdessen in die Küche zurückgegangen. Hancock roch im Inneren. Klinisch sauber! Die Plakette von Berle war nicht zerkratzt und die Messingknöpfe waren brandneu. Kein Zweifel, irgendein Schwein, ja, irgendein gottverdammtes Schwein war ihm zuvorgekommen. Statt des Humidors von JFK stand vor ihm ein billiges, schlecht gemachtes Imitat. Heiliger Strohsack! Warum hatte er es nicht bei Godspy's schon bemerkt? Natürlich, er war viel zu aufgeregt gewesen! Zuerst hatte er die zwei Flaschen Champagner und die kleine Torte aus seinem Humidor herausholen müssen. Dann musste alles schnell gehen. Er hatte den anderen Humidor in die Kühlbox geschoben und war dann unverzüglich zur Arbeit gegangen. Dieser Schuft! dachte er, weshalb war ein anderer auf dieselbe Idee und ihm zuvor gekommen? Weshalb hatte ihm dieser unbekannte Hurensohn sein erstes wirkliches Abenteuer versaut? Hancock ließ sich in einen Sessel fallen und schloss die Augen. Isn't it good, Norwegian Wood? summte es repetitiv und grässlich in seinem Schädel, der jetzt zu platzen schien. Am dreiundzwanzigsten April wurde der vermeintliche Humidor von JFK für 520'000 Dollar dem Herausgeber des Cigar Aficionado, Marvin L. Shocken, zugeschlagen. Hanckock saß am Abend dieses Tages trübsinnig zuhause und starrte auf das fürchterliche Machwerk, auf das er hereingefallen war. Er konnte weder sein selbst gebautes Replikat bei Shocken einfordern, noch der Polizei von dem Diebstahl des echten Humidors erzählen. Shocken würde sich, überlegen lächelnd wie immer, im nächsten Cigar-Aficionado mit dem falschen JFK-Humidor präsentieren, der im Grunde - und dieser Gedanke versöhnte Hancock halbwegs mit seinem Schicksal - perfekter war als das Original, das wohl für immer verschollen sein würde. © 1999 by GS-Verlag Basel und Thomas Brunnschweiler. Abdruck mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten. Der Text stammt aus dem Erzählband PERPETUUM FUMABILE - Cigarren machen Geschichte(n) von Thomas Brunnschweiler |
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