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Die Cigarre - Hüterin einer verlorenen Zeit

Eine Zigarre sei Materie und Gedächtnis, im Rauch verbunden, schreibt Cabrera Infante, der grosse Mythologe der duftenden Himmelsglut, einen Satz, den ich metaphorisch verstanden habe, bis eine Irritation mich dazu brachte, dem Geheimnis des Raucherworts auf die Spur kommen zu wollen.

Es begann alles mit der Lektüre eines poetischen Zigarren-Tasting aus der Feder des Connaisseurs Dirk Boucsein. Mich interessierte, was er über die Montecristo A zu schreiben wusste, eine exquisite kubanische Gran Corona, die ich wegen ihrer Länge von 23,5 cm noch nie geraucht hatte. Mir waren Degustationsberichte immer suspekt gewesen, aber was dieser Autor mir vorsetzte, machte mich ärgerlich. Da hiess es etwa: "feucht-erdige, ausgereifte Waldboden-Aromen, zur Mitte hin zunehmend, die trocken-grasige Elemente verdrängen und sich mit Heidekräuter- Noten (Erika, Rosmarin) innig vermischen . . ." Da war die Rede von "Gewürz-Akkorden", von "einem zart-butterigen Karamel-Körper" und von "torfigen Trüffel- und röstigen Karamel-Kaffee-Noten". Ich las den Text mehrmals durch und fühlte mich zum Narren gehalten. Wie in aller Welt, dachte ich, kann ein noch so entwickeltes Sensorium feststellen, dass und ob Gewürz-Aromen "von einer dezenten Trockenobst-Süsse eingerahmt" sind? - eingerahmt! Ich zählte die Aromen, die der verbose Zigarren-Tester in der Montecristo A wahrzunehmen glaubte, und zählte über zwanzig. Mein erster Gedanke: Des Kaisers neue Kleider! Aber Vorsicht! Ich fühle mich zu wenig kompetent, um vorschnell ein Urteil abzugeben; vielleicht gab es ja Leute, die zu sensorischen Meisterleistungen imstande waren? Nun wollte ich es genau wissen.

Ich fragte zuerst einen Wein-Sensoriker, der das Ganze für einen Bluff hielt, aber gleich hinzufügte, er kenne sich mit Zigarren zu wenig aus. Kompetente Auskunft würde ich wohl bei einer Aromenfirma erhalten. Schon nach einigen Tagen erhielt ich aus der Aromenbranche eine Auskunft, die mir wesentlich weiter half. Bei der sensorischen Beurteilung wird unter anderem versucht, einen komplexen Sinneseindruck anhand von geeigneten Attributen zu beschreiben, wobei man ein analytisches Panel, eine speziell geschulte Personengruppe, einsetzt.

Der Sensorikfachmann hielt die Geschmacksbeschreibung des Montecristo-A-Tasting einerseits für sehr detailliert, andererseits für schwer lesbar. Die poetische Art und Weise der sensorischen Beschreibung war ihm nicht unbekannt, aber er gab zu verstehen, dass eine wissenschaftliche sensorische Studie sich auf weniger Attribute beschränken und die Resultate transparenter und übersichtlicher gestalten würde. Ich erfuhr, dass alles, was nicht süss, sauer, salzig oder bitter sei, nicht mit dem Geschmack - also im Mund -, sondern retronasal im Riechepithel wahrgenommen wird. Es gibt tatsächlich Menschen, die sensorisch Aussergewöhnliches leisten. Ein ausgebildeter Aromatiker kann über 500 Gerüche dem entsprechenden Rohstoff zuordnen. Dazu kommt, dass Aromen - beispielsweise in einer Erdbeere - nach unterschiedlichen Zeiten freigesetzt werden. Da beim Genuss einer Zigarre die Aromeneindrücke sich über eine grosse Zeitspanne dauernd verändern, ist die hohe Zahl der über zwanzig Aromen nachvollziehbar, wobei pro Zeiteinheit sicher nicht mehr als fünf Aromenrichtungen ausgemacht werden können.

Die Verärgerung über das Tasting war staunender Neugier gewichen. Ich wollte mich noch nicht zufriedengeben, weil der Sensorikfachmann den repräsentativen Charakter des Tasting in Zweifel zog und mir darin recht gab, dass ein normaler Zigarrenraucher mit der poetischen und komplizierten Aromenbeschreibung wenig anfangen könne. Nun wurde es langsam spannend. In einem österreichischen Zigarren-Magazin von 1996 entdeckte ich ein früheres Tasting der Montecristo A. Die degustierten Zigarren stammten aus einer andern Tabakernte, was Unterschiede erklären konnte. Die beiden Tastings stimmten in fünf Aromen überein: Waldboden, Gewürz, Zedernholz, Karamel und Kaffee. Immerhin etwas, dachte ich. Die frische Pfefferminze, den grünen Japantee, die Kiefernadeln und das Moos hatte Dirk Boucsein nicht festgestellt. Mir schien die Zeit gekommen, die Probe aufs Exempel zu machen und selbst eine Montecristo A zu rauchen.

Zusammen mit Felix Frey, dem Präsidenten des Cigarrenklubs Basel, der den kaiserlichen Puro auch noch nie degustiert hatte, gingen wir ans alchimistische Werk. Es wurde ein Abenteuer - und der Abend teuer (eine Montecristo A kostet über 30 Franken). In Abgeschiedenheit, ohne Musik und andere Störungen, begannen wir das Rauchzeremoniell. Als erstes kamen mir bittere Mandeln entgegen; mein Freund nahm Lehm und den Geschmack frisch umgedrehter Erde wahr. Während ich noch den gebrannten Haselnüssen nachhing, rief mein Rauchpartner begeistert: "Pferdestall-Aroma, unverkennbar! Warmes Stroh! Wie damals . . ." Und er begann von seinen Erinnerungen an einen Pferdestall zu erzählen. Kurz darauf nahm sein Riechepithel - retronasal - frisch geschnittenes Holz wahr. Die Trockenheit der ersten Wahrnehmung wich einem öligen Eindruck. Felix ortete die Zutaten von Glühwein: Zimt und Nelke. Ich musste ihm recht geben: Lebkuchen, Weihnachten! Fast jeder Zug der Zigarre schmeckte anders. Wir waren begeistert. Ein starkes Weihraucharoma evozierte in mir die Erinnerung an dunkle italienische Kirchen. Mein Co-Degustator musste passen, weil er keine einschlägigen Erfahrungen mit dem kostbaren Harz hatte. Bis zum Ende unserer über zweistündigen Degustation folgten sich die Eindrücke milden Pfeffers, frischer Baumnüsse, von Torf, italienischer Salatkräutermischung (!), Eisen, Schwarztee, Bergamotte und Aprikose. Die Montecristo A blieb trotz einer wichtigen Endphase bis zuletzt mild: eine grosse, aber auch eine weihnachtliche Zigarre, wie wir konstatierten. Die Übereinstimmung mit den von Boucsein notierten Aromen lag bei 60 Prozent. Einige Aromen fanden sich in keinem der beiden Tastings. Analyse oder Suggestion?

Wer lange auf einen marmorierten Fussboden starrt und nicht ganz mit Phantasielosigkeit geschlagen ist, entdeckt Köpfe, Tiere und andere Figuren. Es wird Konfigurationen geben, die alle sehen, und solche, die nur Einzelne entdecken. Ähnlich ist es beim Zigarren-Tasting. Wenn schon Chemiker im Tabakrauch mehr als 4000 verschiedene Komponenten eruieren können, ist es kein Wunder, dass sich diese Komponenten im Laufe ihrer unterschiedlichen Kombinationen für den menschlichen Geruchsinn zu vielen Aromeneindrücken verbinden. Geschmacks- und Geruchseindrücke sind an Erinnerung gekoppelt; umgekehrt ist die Erinnerung jedes Menschen sensorisch anders konditioniert. Und die Moral von der Geschicht'! Mein Rauchpartner und ich sind uns einig, dass bei der Niederschrift eines Tasting weniger mehr wäre.

Aromenbeschreibungen wie die von Boucsein halte ich letztlich für poetische Konstrukte, in denen die individuelle Raucherfahrung idealtypisch verdichtet wird. Vorbildlich für die Beschreibung der Montecristo A sind die knappen Angaben von Gérard: "Ihr reiches und sehr präsentes Aroma - zuerst matt und erdig, dann immer konzentrierter, ja betörend im letzten Drittel - öffnet sich auf einen fülligen und sehr würzigen Geschmack." Diese Beschreibung entspricht unserer Raucherfahrung und lässt Raum für eigene aromatische Entdeckungen. Am Ende des Abends hatten wir etwas gelernt: Eine Zigarre ist wie Prousts berühmte Madeleine ein Schlüssel zur persönlichen Erinnerung, ja zur verlorenen Zeit. Unser Experiment hat uns aber auch eine Verpflichtung auferlegt, die sich in Abwandlung eines Rilke-Wortes so zusammenfassen liesse: "Du musst dein Rauchen ändern!"

Thomas Brunnschweiler

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Neuen Zürcher Zeitung. © 1999


Thomas Brunnschweiler ist Germanist und Theologe. Er ist passionierter Zigarrenliterat und schreibt für verschiedene Publikationen, so für die Schweizer Cigar und die Monatsbeilage der NZZ, FOLIO, in der er eine regelmäßige Kolumne mit dem Titel "Raucherfreuden" hat. Er lebt in der Schweiz.
 
    

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