Streetfooding
Für kultivierte Leute war es kein Honigschlecken mehr, in der Stadt herumzuspazieren.
Denn die anderen sahen, vor allem im Sommer, völlig vergammelt aus. Sie trugen
schreiende Farben zu schuhmässig Ausgelatschtem (wie sich der Jugendliche von
heute ausdrücken würde), und überlange Hosen wurden von den Männern kurzerhand
nach oben gerollt. Die Frauen kannten weder Scham- noch Geschmacksgrenzen. Es
gab Männer zu Beginn des Greisenalters, die sich nicht entblödeten, beim Einkaufen
in superknappen Höschen herumzulaufen, welche die Backen ihres Allerwertesten
herausquellen liessen. Teenies hätten sich nicht einmal getraut, so am Strand
herumzulaufen.
Das Allerschlimmste für Menschen mit Geschmack und einer
leisen Erinnerung an gepflegtere Zeiten war aber das allgegenwärtige Essen auf
Plätzen, in Gassen und Strassen. Streetfooding nannten es die verantwortlichen
Macher. Überall sah man dicke Frauen Patisserie in sich hineinstopfen, junge Leute
an Dönerkebabs nagen und ältere Männer Lachsbrötchen verdrücken. Man nutzte die
Zeit in der Stadt effizient, ass nicht mehr in den kaum mehr zahlbaren Lokalen
und foodete eben sozusagen en passant et en plain air. Wenn sich die unappetitliche
Mampferei auf die Strassen beschränkt hätte, wäre es ja noch einigermassen angegangen,
aber man ass auch weiter, wenn man Geschäfte betrat oder Museen besuchte. Die
Verbote, die überall hingen, nützten selbstverständlich nichts. Die Menschen der
Zweiten Moderne - wie die Postmoderne seit neuestem hiess - liessen sich nichts
verbieten, schon gar nicht eine so angenehme Tätigkeit wie das Essen. So kam es
denn zwischen Befürwortern und Gegnern des Streetfoodings unweigerlich zu mehr
oder weniger unschönen Zusammenstössen. Rudolf Weinhuber besass einen Tabakladen
an bester Lage, mitten in der Altstadt an einer verkehrsfreien Fussgängerstrasse.
Seit die Streetfooding-Pest grassierte, hatte er ein kleines Plakat vor den Laden
gestellt, auf dem es hiess: "Wenn Sie essen möchten, so tun Sie es nicht in meinem
Laden. Geniessen Sie dafür eine schöne Havanna!" Das Plakat nützte natürlich einen
Dreck. Schlampig gekleidete und Eis schleckende Mädchen kamen in den Laden, um
Zigaretten zu kaufen; frustrierte Beamte kauten an einer St. Galler Bratwurst
herum und schauten sich die teuren Pfeifen an, wobei sie oft mit ihren fettigen
Fingern die Vitrinen verschmierten; Banker im Zweireiher sabberten an einem exotischen
Hühnergericht im Alutöpfchen herum, das sie in der immer knapper bemessenen Mittagspause
möglichst fliegend leerten, um dabei noch teure Cigarren begutachten zu können.
Weinhuber schluckte seinen Ärger herunter, schwor jedesmal, den nächsten Übergriff
auf den guten Geschmack nicht mehr zu dulden und eine Mampftante oder einen Knabberfritzen
einfach aus dem Geschäft zu schmeissen. Aber er brachte es einfach nicht fertig,
bis - ja bis eines Tages das Ungeheuerliche geschah ... Weinhuber putzte gerade
seine Tabakgläser, als ein gutgekleideter Herr das Geschäft betrat. Der Tabakhändler
wunderte sich schon gar nicht mehr, dass sein Kunde etwas Essbares zwischen den
Fingern hielt. Es war eine dieser neuen malaysischen Würste, die besonders wohlschmeckend,
aber auch besonders fettig waren. Raus!, dachte Weinhuber, raus! Aber der Herr
erkundigte sich in penetrantem Appenzellerdialekt so freundlich nach Cohiba Robustos
("Hönd zee vilich o Ckohiba, die ticke Choorze, wösset zee!"), dass der gebeutelte
Kleinunternehmer auf die Zähne biss und den Kunden zum Humidor führte. Er nahm
ein Kistchen Cohiba heraus und stellte es auf ein Bistro-Tischchen, an dem Stammkunden
ab und zu einen Espresso erhielten.
"Ich hätte von diesen köstlichen
Puros gerne ein Exemplar", sagte der Ostschweizer Fatzke wieder in gequetschtem
Appenzellerisch. Und dann geschah das Unfassbare. Wie um die Cigarre seiner Wahl
zu finden, fuhr er mit dem triefend-fettigen Zeigefinger seiner rechten Hand liebevoll
über die ganze Lage der teuren Cigarren, wobei die Fingerspitze quer auf allen
Deckblättern eine hässlich ölige Spur hinterliess. Weinhuber wollte seinen Augen
nicht trauen. Nach einer kurzen Zeit des Schocks erwachte in ihm aller Zorn und
alle Frustration, die sich im Laufe der Zeit angestaut hatten. Sie kamen nun hoch
und entluden sich in einem fürchterlichen Ausbruch: "Sie Barbar, Sie Rüpel, Sie
Unflat!", brüllte Weinhuber los, "Sie ungehobeltes Etwas von Kulturlosigkeit,
Sie Cigarrenschänder, Sie Dibi-Däbi-Prolet, Sie wurstophiler Voralpentrottel,
Sie Ausbund an Ignoranz, Sie Totalidiot, Sie garstiger...!" Weinhuber blieb vor
Fluchen die Luft weg. Er packte den immer noch freundlich grinsenden Kunden am
Revers des Designer-Anzugs, schleppte ihn durch den Laden und schmiss ihn in hohem
Bogen aufs Trottoir. Der solchermassen Herausgeschmissene erhob sich mühsam, legte
dann wortlos eine Visitenkarte auf die Treppe des Geschäfts und trat, ohne ein
Wort zu sagen, den Rückzug an. Weinhuber trat atemlos ans Licht der Sonne, hob
die Visitenkarte auf und las: "Dr. vet. Ambrosius Josef Koller, Präsident der
internationalen Fleischschauervereinigung und Verwaltungsratspräsident der Boll-Metzgereien".
Es folgten zwei Adressen, eine im appenzellischen Gais und eine in Zürich. Eine
Woche später hatte Weinhuber einen Prozess am Hals. Nicht, wie man annehmen könnte,
einen wegen Körperverletzung, sondern einen Rassismus-Prozess. Ambrosius J. Koller
fühlte sich in seiner Appenzeller Ehre verletzt. Die Appenzeller durften sich
seit der 13. Erweiterung der Anti-Rassismus-Konvention als eigene Rasse bezeichnen,
die wahrscheinlich auf den Stamm der Etrusker zurückging. Weinhuber setzte sich
vor Gericht tapfer zur Wehr, aber die Anti-Raucher-Lobby machte Druck und so wurde
der arme Tabakhändler zu einer Strafe von fünfzigtausend Franken verurteilt, wobei
ihm - um der Gerechtigkeit zu genügen - die zehn ruinierten Robustos von Koller
entschädigt werden mussten. Weinhuber war erbittert. Eines Morgens betrat er,
eine Cigarre qualmend, die nächste Filiale der Boll-Metzgereien. Er bestellte
fünfzig Gramm geschnetzeltes Straussenfilet und beugte sich dann mit dem rechten
Arm neugierig über die Plexiglasscheibe, die ihn vom Angebot trennte. Dabei liess
er die lange gewordene Asche seiner Churchill mit leichtem Schnippen auf das rohe
Fleisch fallen. "Sind Sie wahnsinnig?!", schrie der Metzger. "Nein, nur etwas
nachtragend", gab Weinhuber zur Antwort, "und übrigens: Haben Sie noch nie was
von Rauchfleisch gehört?" Weinhuber liess den verdutzten Metzger hinter sich und
verliess befriedigt über die symbolische Rache (natürlich ohne Straussenfilet)
den Laden. Nun war er grimmig entschlossen, sein kleines Reich der holzig-erdigen
Aromen für immer zu verteidigen und allen Streetfoodern den Riegel zu schieben.
In seinem Schaufenster stand eine lebensgrosse Puppe, die einen Hamburger zum
Mund führte. Daneben war eine Gestalt zu sehen, die dem Streetfooder ein Gewehr
an die Schläfe gesetzt hatte. An der Tür war ein Verbotsschild angebracht, das
eine durchgestrichene Wurst zeigte. Mehrere in allen wichtigen Verkehrssprachen
abgefasste Plakate in Leuchtfarben standen an der Wand, und alle verkündeten,
dass das Betreten des Tabakladens für Streetfooder nur auf deren eigene Gefahr
erfolge. Zwischen den Verbotstafeln war irgendwo noch klein zu lesen, dass es
sich um Weinhubers Pfeifen- und Cigarrenladen handelte. Weinhuber hatte sich eine
Magnum 44 gekauft, die stets griffbereit in der Schublade des Tresens lag. Verirrte
sich trotz aller Warnungen doch noch ein Streetfooder in den Laden, schoss ihm
Weinhuber ohne weitere Vorwarnung haarscharf über den Kopf, so dass der zu Tode
erschreckte Möchtegern-Kunde sofort das Weite suchte. Weinhuber gründete die erste
Anti-Streetfood-Liga, kam damit laufend in die Schlagzeilen und verzeichnete dadurch
in seinem Geschäft eine Umsatzsteigerung von dreihundert Prozent.
Thomas Brunnschweiler
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Neuen Zürcher Zeitung.
© 1999
Thomas
Brunnschweiler ist Germanist und Theologe. Er ist passionierter Zigarrenliterat
und schreibt für verschiedene Publikationen, so für die Schweizer Cigar und die
Monatsbeilage der NZZ, FOLIO, in der er eine regelmäßige Kolumne mit dem Titel
"Raucherfreuden" hat. Er lebt in der Schweiz.