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Thomas Brunnschweiler
Was der Connaisseur mit der Banderole macht - und wer sie ins Leben gerufen hat

Der dekorative Papierring um die Cigarre wird im "Zigarrenlexikon" unter "Bauchbinde" geführt. Eigentlich ist diese Bezeichnung widersinnig, wird der Ring doch knapp unterhalb des Cigarrenkopfs angebracht. Präziser wäre Kragenbinde, zumal Bauchbinde an eine medizinisch indizierte Venttale denken lässt und an einen Cigarrenbauch, den es zusammenzuhalten gilt. Eine solche Funktion aber hat die Banderole, die auf Spanisch ganz einfach anillo (Ring) heisst, keineswegs. Es gibt verschiedene Theorien darüber, wie die Cigarre zum anillo kam. Katharina die Grosse sei die Urheberin gewesen, heisst es; sie habe ihre Cigarren mit Seide umhüllen lassen, um die Finger vor Tabakflecken zu schützen. Ebenfalls wird kolportiert, die englischen Gentlemen hätten mit der Banderole ihre weissen Handschuhe schonen wollen. Armenmärchen! Denn eine Cigarre ist nicht schmutzig, wie ein einfacher Versuch mit einem weissen Seidentüchlein zeigt. In Wirklichkeit verdankt sich die Banderole der 1827 in Havanna eingeführten Lithographierkunst und dem Wunsch der Zigarrenproduzenten, ihren Produkten je ein unverwechselbares Gepräge und die nötige Werbewirksamkeit zu verleihen.

Gustav Bock Müller, bekannt als Don Gustavo war ein Pionier des Zigarrengeschäftes und in Havanna eine
Legende zu Lebzeiten:
Er gilt u.a. als Erfinder der "Bauchbinde".
Mit Innovationen wie dem Cigarrenband zur Abgrenzung von Konkurrenten war er seiner Zeit stets voraus: Bis zu seinem Tode 1910 kontrollierte der gebbürtige Deutsche mit seiner Firma "Bock y Ca." in Havanna die Cigarrenwelt. Während des zweiten kubanischen Unabhängigkeitskrieges (1895-1898) erwarb er zahlreiche Cigarrenfabriken, welche kurz vor dem Konkurs standen und kam so in den
Besitz der besten Plantagen. Dies und seine qualitativ herausragenden, handgefertigten Cigarren verhalfen ihm zu Weltruhm.

Die legendäre Marke BOCK y CA ist 1998 in der Dominikanischen Republik spektakulär wieder auferstanden. Wachgeküsst hat sie der Schweizer Zigarrenpapst Heinrich Villiger, der seit Jahrzehnten in der dritten Generation seine eigenen Villiger Marken (Villiger Kiel, Curly, Romeo y Julieta small und midi etc,) produziert und weltweit als Tabak- und vor allem Kubaexperte Anerkennung genießt (Neben seiner Funktion als Präsident der deutschen und europäischen Zigarrenindustrie ist er maßgeblich an den Havannaimporteuren 5th Avenue für Deutschland und Intertabak für die Schweiz beteiligt). Die wiederbelebte Karibikzigarre BOCK y CA wird zurecht von Experten als ‚Best buy' mit besonders gutem Preis/Leistungsverhältnis bewertet: Cigar Aficionado: 88 Punkte; European Cigar Cult Journal: 3-4,5 Sterne. Charakteristik: BOCK y CA zeichnen sich durch sehr gute Verarbeitung und Eigenständigkeit im Geschmack aus. Attraktive Zigarre mit reichem, fülligem, aromatischem Geschmack. Edelholz, Schokolade, Nussaromen. Gut gerollt, guter Zug. Einlage : Piloto Cubano und Havana Seed aus Nicaragua
Umblatt: Indonesien Deckblatt: Ecuador Deckblatt aus Connecticut Seed. Die Doble Corona schmeckt mir am besten, 4,5 Sterne von Don Ursulo.

Der klassische anillo hat ein rundes oder ovales ausgeformtes Mittelstück, das ihm den Charakter eines Siegelrings verleiht. Im Laufe der Zeit zierten unzählige Sujets die Papierringe: Portraits von gekrönten und ungekrönten Häuptern, Tiere, Allegorien, Wappen und sogar die Logos von multinationalen Konzernen wie Shell, Esso oder Ford. Die Frage, ob man beim Rauchen die Banderole abstreifen soll oder nicht, ist fast schon abgeschmackt. Wir halten es mit dem britischen Understatement: Ein wahrer Connaisseur ist kein Protz und entfernt daher den verräterischen Ring vor dem Rauchen. Aber auch diese Regel darf nicht sklavisch befolgt werden. An erster Stelle steht die Unversehrtheit des Deckblattes. Lässt sich die mit Tragant verklebte Banderole nicht mühelos ab- streifen, muss man warten, bis sich der Leim durch die Erwärmung der Cigarre etwas verflüssigt hat; erst dann entfernt man die Banderole. Erweist sie sich als resistent, lässt man sie in Castros Namen am guten Stück. Als Schutz vor der Versuchung, die Cigarre bis zum Stummel herunterzurauchen.


Geschrieben Thomas Brunnschweiler / Ergänzt von Urs Thoma aka Don Ursulo


Photos v.l.n.r. : Bocks Zigarettenschachtel um 1900, Cigarrenboxbild (Der Teufel lässt grüßen), und Don Gustavo himself



 
    


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