![]() |
Don Ursulo - Fine Costa Rica Cigars ![]() |
||
|
Home |
Thomas
Brunnschweiler
Das Tier raucht nicht Draußen war es finster und still. Nur manchmal hörte man das leise Rauschen eines Wagens, der auf der feuchten Straße vorbeifuhr. Bei uns drinnen im Salon brannten nur die Kerzen und unsere beiden Cigarren. Rauchschwaden schwebten vor der goldschimmernden Tapete, überschlugen sich gemächlich und zogen dann schwerelos hinauf zur dunklen Zimmerecke. Gilbert de Montsalvat und ich hatten seit dem Nachtmahl ein langes Gespräch über das Paradox bei Chesterton geführt. Seit einer Weile hielt der große alte Enzyklopädist des Tabaks die Augen geschlossen. Schon ertappte ich mich bei dem Verdacht, er könne, schläfrig geworden vom schweren Port und von der späten Stunde, eingenickt sein, als er unvermittelt und mit Bestimmtheit sagte: "Kein Tier raucht." Noch hielt er die Augen geschlossen, als wolle er den Satz, der, wie ich irgendwo gelesen hatte, dem preußischen General-Feldmarschall Helmuth von Moltke zugeschrieben wurde, als wolle er diese drei kurzen Worte auskosten wie das letzte Drittel seiner Havanna. "Weißt du," sagte er mit leiser Stimme, "es ist der einzige Satz, den Nichtraucher wie Raucher gleichermaßen zur Speerspitze ihrer Argumentation gemacht haben?" "Nein, ich weiß es nicht, aber du wirst es mir gleich erklären", gab ich mit ironischem Unterton zur Antwort, da ich wußte, dass ich für eine Weile zu schweigen hatte. "Das Tier raucht nicht," fuhr Montsalvat fort, "weil Rauchen keinem der biologischen Grundbedürfnisse entspricht, wie es der Trieb zu essen, der Trieb zu trinken und der Trieb zu kopulieren sind. Rauchen ist zutiefst unnatürlich, ein degenerierter Habitus des Menschen, ja, es ist seine größte Unsitte überhaupt. Das Tier zeigt hier in seiner vom Instinkt geleiteten natürlichen Schlauheit, dass es dem Menschen haushoch überlegen ist. Kein Tier, es sei denn durch den Menschen zur bloßen Imitation verführt oder im Experiment gezwungen, würde die Dummheit begehen zu rauchen. Rauchte das Tier, wäre es nur ein Mensch. Der Mensch als animal fumans ist zugleich ein animal irrationale. Rauchen widerspricht nicht nur der Vernunft, es widerspricht der Schöpfung, es ist die Quintessenz des Sündenfalls. Nicht umsonst schreibt Fernando Ortiz, der Tabak, dieses Nachtschattengewächs, sei ein Werk der Dämonen und eine Ausgeburt Proserpinas. Denn von wo steigt in der Natur Rauch auf, wenn nicht aus den stinkenden Pforten der Unterwelt, den Vulkanen und Erdspalten, wo man seit alters den Satan und seine Hausmacht auszumachen pflegte? Mehr noch, der Rauch ist die Ausdünstung der Hölle selbst, und wer sich dazu hergibt, ihn einzuziehen und durch Nase und Mund wieder auszustoßen, ist ein höllischer Geselle, ein Gehülfe des Satans und Verpester der göttlichen Schöpfung." Als Gilbert de Montsalvat den Satz beendet hatte, nahm er einen Zug aus seiner Cigarre, hob seine linke Braue und lächelte diabolisch. "Zurecht", fuhr er fort, "hat man Rodrigo de Xeres, der auf spanischem Boden erstmals rauchte, für Jahre ins Gefängnis gesteckt. Die Inquisition hielt ihn für einen Abgesandten des Teufels und glaubte, er sei inwendig voller Feuer. Wer rauchende Menschen sieht, muss wirklich meinen, er sei schon in der Hölle, und sehe wie Aeneas die Plagen der verdammten Seelen ..." "Genug, genug", unterbrach ich Montsalvat, "das ist für die Auslegung der Nichtraucher hinlänglich drastisch. Aber wie verstehen dann die Raucher den Satz, dass kein Tier rauche?" "Das Tier raucht nicht," antwortete er, "weil Rauchen keinem der biologischen Grundbedürfnisse entspricht, wie es der Trieb zu essen, der Trieb zu trinken und der Trieb zu kopulieren sind. Rauchen ist, weil nicht natürlich, ein zutiefst kultivierter Habitus des Menschen, ja, es ist seine größte kulturelle Errungenschaft. Das Tier zeigt sich dem Menschen hier weit unterlegen, denn es kann niemals zu einem solch subtilen Genuss gelangen. Es ist gerade das Rauchen, das den Menschen über das Tierreich erhebt. Rauchte der Mensch nicht, wäre er bloss ein Tier. Der Mensch als animal fumans hat sich unabhängig gemacht von der bloßen Befriedigung der Grundbedürfnisse, er ist aufgestiegen zu einem wahrhaft göttlichen Vergnügen. Nicht umsonst schreibt Fernando Ortiz, der Tabak sei etwas Geheimnisvolles, ja, Heiliges und steige als Rauch zum Himmel auf, mit hieratischen Wolkenzeichen eine Erlösung versprechend, für die es keine Worte gebe. Schon die Götter der Mayas rauchten. Für die Lakandonen paffen die weisshaarigen, bärtigen Götter von Regen und Donner gerne Cigarren. Deren Qualm sind die Wolken, Sternschnuppen dagegen nichts anderes als weggeworfene glühende Stummel. Es ist kein Zufall, dass der Tabak bei uns die Namen Herba sancta, Herba divina und Herba Sanctae Crucis erhielt. Solch religiöse Hochschätzung weist darauf hin, dass Raucher Priester des Göttlichen sind. Rauchen ist im Grunde eine rituelle Handlung und verbindet uns mit jenen Priestern, die Gott Rauchopfer darbrachten. Im Genuss des Tabaks als Gabe an das Göttliche wird keine Gegengabe erwartet. Der Genuss des Tabaks sei selbst ebenfalls keine Gegengabe, sagt ein weiser Theologe des Rauchens, er sei keine Erwiderung, sondern lasse nichts übrig, und gehe auf im Vollzug; die Vernichtung des Tabaks beim Rauchen sei die Vollendung der Schöpfung im Genuss derselben. Wer also raucht, der verbindet sich nicht nur mit dem Himmel, er erlebt einen Genuss, der ihn schon in den Himmel versetzt." Wieder nahm Montsalvat einen Zug und blies den Rauch langsam und genüsslich aus. "Dies sind die zwei Auslegungen der Feststellung, dass kein Tier rauche." "Auslegungen", fügte ich schmunzelnd hinzu, "denen kein jesuitischer Winkelzug fehlt. Und welche Auslegung ist in deinen Augen die richtige? Ich möchte im Blick auf unsere augenblickliche Tätigkeit doch meinen, es sei die zweite." "Nein, da täuschst du dich. Beide Auslegungen sind richtig und wahr." "Wie soll ich das verstehen?" "Nun, wenn du aufmerksam durch die Welt gehst und siehst, wie gedankenlos die Menschen rauchen, wie stark ihr Körper und ihre Seele abhängig sind vom Nikotin, dann ist wohl die erste Auslegung durchaus zutreffend. Es drückt mir oft fast das Herz ab, wenn ich schon Kinder Zigaretten rauchen sehe. Zigaretten finden in meinen Augen keine Gnade, denn ihr sauer fermentierter Tabak, versetzt mit süchtig machenden Zusatzstoffen und verfälscht vom tabakfremden Papier, wirkt nur, wenn man ihn inhaliert. Dieser Dreck, den die meisten Raucher auf der Welt in ihre Lungen ziehen, ist wirklich eine Ausgeburt der Hölle. Das Inhalieren ist ein Symbol der Selbstzerstörung; es ist im wahrsten Sinne teuflisch. Die Zigarette ist ein Kind des Krieges, der Angst und der Nervosität. Und Zigaretten sind Produkte von leblosen Maschinen ohne Respekt gegenüber dem Rauchenden; gleichermaßen hat der Rauchende keinen Respekt vor der Zigarette. Er fischt sie achtlos aus dem Päckchen und wirft sie nach Gebrauch ebenso achtlos wieder weg. Über 70'000 wissenschaftliche Untersuchungen haben sich mit der Schädlichkeit des Rauchens befasst. Ich pflichte ihnen bei. Das Rauchen ist - in den allermeisten Fällen jedenfalls - bloße Sucht, bei der die Tendenz besteht, dass man immer mehr raucht und immer weniger genießen kann. Wer hingegen eine gute Cigarre pafft, der sollte es nie achtlos oder gedankenlos tun. Man kann keine Cigarre rauchen, wenn man aggressiv oder in Eile ist. Die Cigarre erfordert Muße und Beschaulichkeit. Das reine Paffen des Rauchs ist ein Symbol des Selbstgenusses. Es entführt uns ins Land der Phantasie, begleitet unsere einsamen Gedanken, beruhigt und regt zugleich an. Jede handgemachte Cigarre ist ein kleines Kunstwerk und keine Cigarre schmeckt genau gleich wie die andere. Die Cigarre erweist dadurch dem Rauchenden Respekt, und der Raucher sollte der Cigarre Respekt entgegenbringen. Wer sie achtlos raucht, draußen im Gehen oder während des Autofahrens, hat gar nichts verstanden. Über 70'000 wissenschaftliche Untersuchungen, die die Schädlichkeit des Rauchens beweisen, können die Kultur des Rauchgenusses nicht wegwischen." "Mon cher", sagte ich zu Montsalvat, "ist diese Unterscheidung in Zigaretten- und Cigarrenraucher nicht sophistisch? Schliesslich produzieren beide denselben Rauch." "O nein," antwortete Montsalvat, "das zeigt, dass du eine sehr schlechte Nase hast. Zudem neigt der Genussraucher dazu, immer weniger zu rauchen. Es kann nämlich keinen echten Genuss geben ohne Askese und Maß. Zino Davidoff meinte, zwei Cigarren am Tag seien genug. Ich sage dir, dass ich eine pro Tag schon als eine zuviel betrachte, wenn der Tag keine Mußestunde für mich bereit hält." "Darin muss ich dir recht geben", entgegnete ich, "je mehr ich mich mit der Kultur des Tabaks befasse, umso weniger rauche ich. Früher waren es oft bis acht billige Cigarren pro Tag, heute rauche ich acht Havannas pro Woche oder auch weniger." "Siehst du", fuhr er fort, "wer das Rauchen wirklich genießen kann, der hält es aus dem Alltäglichen heraus, kann warten und tendiert dazu, immer weniger, dafür in immer besserer Qualität zu rauchen. Hier ist wirklich die zweite Auslegung des Satzes ‚Kein Tier raucht' angebracht. In dieser Weise wird den Satz auch Moltke verstanden haben, der ihn prägte und der selbst gern rauchte. Dass auch das Genussrauchen seine Risiken hat, will ich gar nicht in Abrede stellen. Aber welcher Genuss birgt keine Risiken? Denke an Alkohol, an Kaffee, an Schwarztee, an Süßigkeiten oder selbst an die Liebe. Im Bereich des Tabakkonsums gibt es leider bis heute nur die Bezeichnungen Nichtraucher und Raucher. Käme es uns in den Sinn nur von Nichttrinkern und Trinkern zu sprechen? Ich kann doch ein Feind des Alkoholismus sein, ohne auf ein Gläschen Wein zum Festessen verzichten zu müssen. Der mäßige Genussraucher müsste anders bezeichnet werden als der süchtige Kettenraucher. Und ein Genussraucher sollte ebenso gegen das Suchtrauchen sein wie ein Nichtraucher." "Was natürlich eine Fiktion ist", warf ich ein, "wenn man an das Beispiel von Davidoff denkt, der zwischen seinen zwei Cigarren auch noch ausgiebig Zigaretten qualmte." "Das zeigt vielleicht, dass Davidoff ein schlechter Cigarrenraucher war. Gewiss, die Wirklichkeit ist komplexer als das Schwarzweiss der beiden Auslegungen unseres Satzes, aber ich bin nach wie vor überzeugt, dass gute Suchtprophylaxe auch die Einführung in die Kunst des Genießens umfassen sollte." Montsalvat schloss erneut seine Augen, öffnete sie erst nach geraumer Zeit und legte dann seine Cigarre zum Sterben. "Kein Tier raucht. Mein Freund, diese scheinbar triviale Aussage hat sich als ergiebiger erwiesen, als du angenommen hast. Im Rauchen liegen Sucht und Genuss, Hölle und Himmel nahe zusammen. Der Satz ‚Kein Tier raucht' ist, um auf das Paradox bei Chesterton zurückzukommen, ebenfalls ein Paradox: das Raucherparadox. Im Rauchen zeigen sich tatsächlich Glanz und Elend des Menschseins. Und damit wollen wir unsern Abend beschließen." Ich legte meinen Cigarrenstummel in den Ascher. Gilbert de Monsalvat, der sehnige alte Mann mit dem vernarbten Gesicht, erhob sich mit einem eleganten Schwung von seinem Hochlehner und führte mich hinaus in die große Halle seiner Residenz. Als ich auf den Vorplatz hinaustrat, schlugen die Kirchenglocken gerade zwölf. © 2003 by GS-Verlag Basel und Thomas Brunnschweiler. Abdruck mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten. |
|||